Der Komet verhandelt nicht

Über Positivitätszwang, Sozialcharakter und die Frage, warum in Organisationen niemand mehr „Scheiße“ sagen darf

Ich poste Sachen auf LinkedIn und Threads, die ich besser nicht posten sollte. Nicht oft, aber regelmäßig genug, dass mir Leute schreiben: „Musst du das öffentlich machen?“

Meistens ist es dieselbe Sorte Post. Jemand hat etwas offensichtlich Inkompetentes entschieden. Eine Zahl war seit zwei Quartalen rot und alle haben so getan, als wäre sie orange. Eine Führungskraft hat ein Team gegen die Wand gefahren und dafür eine Beförderung bekommen. Daneben Klimaleugner, rechte Anheizer, ungebildete und uninformierte Hetzer. Und ich schreibe dann auf, was ich sehe.

Ich halte den Impuls nach wie vor für richtig. Ich habe in den letzten Monaten allerdings auch  gelernt, dass er zwar korrekt diagnostiziert – aber grottenschlecht behandelt. Dazu unten mehr. Fangen wir mit dem Befund an.

Der Film, den alle für Klimasatire gehalten haben

„Don’t Look Up“ wurde 2021 als Klimafilm gelesen und direkt zerrissen, weil Michelle Obama ja zu den ProduzentInnen gehörte. Das ist die langweiligste mögliche Lesart. Der Film handelt nicht vom Klima. Er handelt von Organisationskommunikation, und er ist darin brutal genau.

Kate Dibiasky hat die Daten. Sie hat recht. Sie rechnet nach, sie rechnet nochmal nach, und dann sagt sie in einer Morningshow laut, was Sache ist. Ergebnis: Sie wird ein Meme. Randall Mindy hat dieselben Daten, lässt sich medial trainieren, wird weicher, wird zum „sexiest scientist alive“ – und wird erfolgreich. Er hat immer noch recht, aber nur noch in einer Form, aus der niemand mehr eine Handlung ableiten muss.

Präsidentin Orlean behandelt einen astronomischen Sachverhalt als Umfrageproblem. Und dann kommt Peter Isherwell, der Tech-CEO, und kippt einen funktionierenden Plan – weil in dem Kometen seltene Erden stecken und weil seine eigene Großartigkeit einen größeren Auftritt braucht als die Rettung der Menschheit.

Der Film funktioniert, weil jeder von uns in mindestens einer dieser Rollen schon in einem Meeting gesessen hat. Wir waren Kate, wir waren Randall, und wenn wir ehrlich sind, waren wir auch mal Orlean.

Der Komet ist die einzige Figur im Film, die nicht verhandelt.

Drei Motive, ein Ergebnis: Die Organisation verliert die Fähigkeit, Wirklichkeit zu verarbeiten

Erich Fromm hat für das, was hier passiert, einen Begriff geliefert, der in der Managementliteratur praktisch nicht vorkommt und der trotzdem mehr erklärt als die meisten Kulturmodelle: den Sozialcharakter. Die These: Gesellschaften bringen Charakterstrukturen hervor, die zu ihren ökonomischen Anforderungen passen. Menschen wollen dann freiwillig das, was das System braucht. Dafür ist gar kein Zwang nötig. Die Anforderung ist sowieso schon verinnerlicht.

Drei dieser Orientierungen erklären ziemlich präzise, warum schlechte Nachrichten in Organisationen nicht nach oben kommen.

Die Marketingorientierung (Fromm, 1947). Die Grundstrebung: sich erfolgreich verkaufen. Authentizität heißt hier nicht, echt zu sein, sondern die Fähigkeit zur authentischen Selbstdarstellung. Die Performance muss stimmen. Positives Denken wird zur Erfolgsvoraussetzung erklärt, Negatives muss weg. Kritik darf nur intern formuliert werden, weil sie sonst den Verkauf beschädigt. Das Ergebnis ist das Paradox aus proklamierten und realisierten Werten: Man verkauft Nachhaltigkeit und realisiert Abgas. Blue Motion als Kampagne, Defeat Device im Steuergerät. Schlimmer wird es dann (und das ist es schon), wenn Probleme auch intern nicht Mal mehr angesprochen werden dürfen. #Nestbeschmutzer

Die Ich-Orientierung (Rainer Funk, „Ich und Wir“, 2005). Erst in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten dominant geworden, besonders stark in IT, Medien, Kreativberufen. Grundstrebung: Grenzen und Bindungen beseitigen, totale Selbstbestimmung, ständige Neuerfindung. Die Wirklichkeit wird selbst konstruiert. Verdrängt werden müssen: Verpflichtung, Gebundenheit, Rücksichtnahme, negative Gefühle – und Verantwortung, denn Verantwortung ist eine Form von Bindung. Offene Kritik gilt in diesem Setting nicht als Beitrag, sondern als Übergriff. Auch das Zusammenleben oder -Arbeiten muss praktisch täglich neu verhandelt werden. Dies bedeutet nicht, dass es keine Rücksicht mehr gibt. Aber auch diese muss im Zweifel neu ausgehandelt werden. Die Individuen spüren einfach nicht mehr, dass bspw. das Spielen einer Gitarre nachts um drei auf einem Campingplatz eventuell den Schlaf der Nachbarn stören könnte, weil dem Individuum macht es ja gerade Spaß.

Und weil kaum noch jemand persönlich Verantwortung übernimmt, ersetzt man sie durch Regeln. Deshalb explodiert die Bürokratie, über die dieselben Leute sich am lautesten beschweren. Bürokratie ist kein Feind der Ich-Orientierung. Sie ist ihr Nebenprodukt.

Die narzisstische Orientierung. Hier wird es teuer. Der entscheidende Unterschied zur Marketinglogik: Es geht nicht mehr um Erfolg, es geht um Großartigkeit. Selbstidealisierung ist nur dann ein Narzissmus-Indiz, wenn sie mit dem systematischen Ausblenden von Defiziten, Missständen und Kritik einhergeht. Genau das ist der Punkt. Erstrebenswert sind Unangreifbarkeit, Überlegenheit, Autarkie – niemanden zu brauchen. Vermieden werden müssen: Schwäche, Zweifel, Angewiesensein, Verwundbarkeit. Die Union, die AfD, Trump, Melonie und alle anderen eher rechts-gerichteten Parteien sind hierin einsame Spitze.

Die Wirklichkeit wird gespalten: gut ist, was der eigenen Grandiosität dient, schlecht alles andere.Und weil die ausgeblendeten Anteile irgendwohin müssen, werden sie projiziert. Auf die Bürokratie, auf die Politik, auf den Wettbewerb. Oder intern: auf die Bedenkenträger, die Skeptiker, die Demotivierten, die „nicht teamfähig“ sind. Deshalb beleidigt Merz und seine Partei auch täglich die Bevölkerung – an Ihnen kann es ja nicht liegen…

Der Satz, der mich seit Wochen nicht loslässt: Die Zweifler in den eigenen Reihen sind in Wirklichkeit die Realisten.

Allen dieser Motive folgt ein Ergebnis: Die Organisation verliert die Fähigkeit, unangenehme Information zu verarbeiten. Das passiert dabei gar nicht unbedingt aus Bosheit. Sondern aus der internen Charakterstruktur.

Und dann kommt noch die Bank

Es wäre bequem, das alles auf Persönlichkeiten zu schieben. Ist es aber nicht.

Wer in einem Unternehmen sitzt, das wirtschaftlich wackelt, ist rechtlich in einer schönen Falle. Die Fortführungsprognose verlangt eine überwiegende Wahrscheinlichkeit der Fortführung. Kreditlinien hängen an Zahlen und an Zuversicht. Bad News gefährden beides. Wer öffentlich Zweifel artikuliert, riskiert, dass ihm daraus ein Strick gedreht wird. Schlechte News darf ein CEO damit im Zweifel gar nicht kommunizieren.

Das heißt: Es gibt Systeme, die per Regulierung dazu verpflichtet sind, an sich selbst zu glauben. Man muss gar kein Narzisst sein, um in einer narzisstischen Kommunikationsstruktur zu landen. Man muss nur einen Bankentermin haben.

Der Positivitätszwang ist also nicht bloß ein Kulturproblem. Er ist auch der Infrastruktur geschuldet.

Die Rechnung, die dafür gestellt wird

Jetzt der Teil, der in narzisstischen Systemen als Einziger überhaupt gehört wird: die Kosten.

Wer Kritik unterdrückt, kauft sich Ruhe – und bezahlt sie in P&L.

Schauen wir Mal in die Mitarbeitenden:

  • Gallup misst seit über zwei Jahrzehnten weltweit eine hohe emotionale Bindung bei rund einem von zehn Beschäftigten. Der Wert bewegt sich kaum. Zwei Jahrzehnte Kulturprogramme haben ihn nicht bewegt.
  • Der Unterschied macht sich an einer einzigen Variable fest: echtem Feedback durch die Führungskraft. Mit Feedback liegt die Bindung bei rund 41 Prozent, ohne bei etwa 9.
  • Fehltage: bei hoher Bindung knapp sechs Tage, ohne Bindung rund zehn.
  • Metaanalysen über Millionen Beschäftigte zeigen bei hoher Bindung Fluktuationsrückgänge im zweistelligen bis über 50-Prozent-Bereich und Produktivitätsgewinne von 14 bis 18 Prozent.

Oder schauen wir auf „Regelt der Markt“:

Echte Innovation braucht Widerspruchsfähigkeit. Ein System, das Widerspruch als Illoyalität behandelt, kann optimieren, aber nichts Neues denken. Nokia, Blackberry, Polaroid, Kodak, VW, Mercedes, BMW: Keine dieser Firmen ist an fehlender Information gescheitert. Die Information war im Haus. Sie hatte nur keinen Weg nach oben, der ohne Karrierekosten begehbar war.

Und der psychologisch teuerste Posten steht in keiner Bilanz: Die Aufrechterhaltung der eigenen Grandiosität bindet enorme Energie. Energie, die der Arbeit fehlt. Daher wird das Geld lieber in Lobbyisten investiert die unliebsame Gesetze umschreiben lassen anstelle es in Ingenieure, Neuentwicklungen, Tests, Kunden zu investieren.

Freundlichkeit ist verdammt teuer.

Der unangenehme Teil: Draufhauen funktioniert trotzdem nicht

Wenn ich dieses Argument ehrlich zu Ende gehe, fällt mein eigenes Verhalten durch.

Erstens: Die direkte Konfrontation eines narzisstischen Systems führt nicht zur Einsicht. Sie führt zur Kündigung des Kritikers. Nicht, weil das System dumm ist, sondern weil es funktioniert wie vorgesehen: Es schützt seine Grandiosität, nicht seine Bilanz. Wer den Spiegel hinhält, wird zum Problem erklärt und entfernt. Das ist keine Warnung vor Mut. Das ist eine Warnung vor Naivität.

Zweitens, und das sitzt tiefer: Der Wutpost ist kein Gegenmittel. Er ist ein Symptom.

Wenn Negativität intern verboten ist, verschwindet sie nicht. Sie bricht sich anonym und ungerichtet Bahn – im Shitstorm, im Kununu-Kommentar, im LinkedIn-Post um halb eins nachts. Das ist die Rückkehr des Verdrängten in einem Format, das die Marketingorientierung noch erlaubt: als Performance von Aufrichtigkeit. Ich performe dann Klartext, statt Klartext zu haben. Und ich bekomme dafür Reichweite, was die Sache nicht besser macht.

Drittens: Es gibt einen Unterschied zwischen der Sache benennen und die Person erledigen.

„Diese Entscheidung ignoriert drei Quartale Daten“ ist überprüfbar. Man kann mir widersprechen, man kann Zahlen holen, man kann mich widerlegen. „Der Typ ist ein Idiot“ ist eine Bewertung, die den Fall schließt – und die dem System die perfekte Ausrede liefert, mich zum Problem zu machen statt die Zahlen anzusehen.

Fromm hätte hier übrigens nicht widersprochen, dass Charakter überhaupt beurteilt werden darf. Er schreibt 1947 ziemlich unmissverständlich, dass der Gegenstand der Ethik der Charakter ist. Charakteranalyse ist aber kein Schimpfwort. Sie ist präzise. Und Präzision ist das, was mir im Wutmodus abhandenkommt.

Nicht lauter. Präziser.

Post-faktisch ist kein Meinungsproblem, sondern ein Strukturproblem

Damit zum eigentlichen Punkt.

Es gibt einen Unterschied zwischen „ich finde das unangenehm“ und „das ist falsch“. Der Komet verhandelt nicht. Die Physik verhandelt nicht. Die Bilanz verhandelt nicht. Ein Cashflow ist keine Erzählung, und ein Marktanteil ist keine Haltungsfrage.

Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die permanent verwechselt wird: Ambiguitätstoleranz ist nicht dasselbe wie Relativismus. Das narzisstische Denken ist Entweder-Oder: gut oder böse, Freund oder Feind, mit uns oder gegen uns. Die Antwort darauf ist nicht „alles ist Meinung“. Die Antwort ist die Fähigkeit, harte Fakten und weiche Ambivalenz gleichzeitig auszuhalten. Zu sagen: Die Zahlen sind eindeutig, und die Bewertung der Lage ist es nicht. Genau diese Doppelfähigkeit verschwindet gerade – auf beiden Seiten jeder Spaltung, die man sich gerade ansehen möchte.

Und deshalb ist Trump kein Betriebsunfall. Er ist ein Kulminationspunkt. Ungenierter politischer Narzissmus als Angebot an Menschen, die sich ohnmächtig, entwertet und abgehängt fühlen. Größenfantasie funktioniert psychologisch als Ausweg aus Scham. Das ist keine Wähler­beschimpfung, das ist eine Erklärung – und sie ist deutlich brauchbarer – ja einfacher – als die moralische Empörung, die die Ausgrenzung nur verstärkt, aus der das Ganze entstanden ist.

Aber ich will hier eine Sache nicht auslassen, weil sie meine eigene Branche betrifft: Wir haben das Training gegeben. Marketing hat siebzig Jahre lang geübt, Erlebniswirklichkeiten, Gefühlswirklichkeiten und Lifestyles herzustellen. Wir haben es professionalisiert, die Wirklichkeit als Verhandlungsmasse zu behandeln. Wir sollten jetzt nicht so tun, als wären wir überrascht, dass das auch in der Politik funktioniert.

Was tatsächlich hilft

Kein Fünf-Punkte-Plan, sondern das, was in narzisstisch geprägten Systemen realistisch Wirkung zeigt:

Geschützte Räume statt Feedback-Poster. Es braucht Orte, an denen Widerspruch keine Karrierekosten verursacht. Nicht als Wert an der Wand, sondern als Gremium mit eigenen Entscheidungsbefugnissen. Anonyme Kanäle sind ein Krückstock, aber ein funktionierender.

Fehler als Helfer behandeln. Nicht als Peinlichkeit, die man wegmoderiert. Eine Organisation, die Fehler tabuisiert, produziert dieselben Fehler noch einmal, nur teurer. Ich weis schon was im November 2026 passiert…

Entwertungserfahrungen reduzieren. Der wichtigste Hebel und der am meisten unterschätzte. Narzissmus im Unternehmen ist meistens nicht Charakterschwäche, sondern Kompensation von Ohnmacht. Wer echte Selbstwirksamkeit erlebt – Arbeit, deren Wirkung sichtbar ist, Entscheidungen, die tatsächlich gelten – braucht die Größenfantasie nicht. Umgekehrt gilt: Je stärker Menschen zu Vollstreckern von Prozessen und Algorithmen werden, desto attraktiver wird die Grandiosität.

Aufklärung über die Kosten statt Moral. Der einzige Kanal, der in einem grandiositätsgetriebenen System zuverlässig ankommt, ist der wirtschaftliche. Nicht „das ist unmenschlich“, sondern „das kostet uns pro Jahr X“. (Wenn wir allerdings bereits zu weit fortgeschritten sind, wird nichtmal mehr das akzeptiert. Das sehen wir bei MAGA, AfD, CDU, und vielen Unternehmen kurz vor der Insolvenz)

Die Probedeutung. Für alle, die von außen kommen: Stell eine kritische Rückfrage und beobachte die Reaktion. Nicht die Antwort – die Reaktion. Das sagt dir in zwei Minuten mehr über eine Kultur als jedes Kulturaudit in drei Monaten.

Zum Schluss

Ich nehme nichts von der Diagnose zurück. Die Vereinbarung, Unangenehmes nicht auszusprechen, ist kein Anstand. Sie ist ein Betriebsrisiko mit exzellenten Manieren. Und eine Gesellschaft, die Fakten für verhandelbar hält, verliert genau in dem Moment ihre Handlungsfähigkeit, in dem sie sie am dringendsten braucht.

Was ich zurücknehme, ist die Methode. Lautstärke ist keine Präzision, und ein Wutpost ist keine Intervention – er ist die Marketing-taugliche Version eines unterdrückten Affekts. Beides zusammenzudenken ist unbequem, aber es ist der ehrlichere Ort.

Bleibt eine Frage, die jede Organisation beantworten kann, ohne ein einziges Kulturprojekt zu starten:

Wie viele Menschen bei euch dürfen sagen, dass etwas nicht funktioniert – ohne dafür zu bezahlen?

Wenn die Antwort niedrig ist, ist alles andere Dekoration.

Der Komet verhandelt nicht. Die Bilanz auch nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert