Psychologie Durchgespielt – Kein Lernerfolg TEIL I: Die Endorphinsackgasse – Kapitel 3

Psychologie durchgespielt

Multitasking, Fragmentierte Aufmerksamkeit und der Verlust des Tiefenfokus

Wie das ständige Wechseln zwischen Reizen unsere kognitive Leistungsfähigkeit, unser Gedächtnis und unsere Zufriedenheit zerstört.

Einleitung: Das Zeitalter der geteilten Aufmerksamkeit

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem wichtigen Bericht. Ihr Smartphone vibriert – eine WhatsApp-Nachricht. Während Sie tippen, poppt eine E-Mail-Benachrichtigung auf. Im Hintergrund laeuft ein Podcast. Gleichzeitig blinkt ein Browser-Tab mit einer News-Meldung. Sie wechseln zwischen fünf Aufgaben, fühlen sich beschäftigt, produktiv. Am Ende des Tages haben Sie das Gefühl, viel getan zu haben – aber der Bericht ist immer noch unvollendet, und ein diffuses Gefühl der Erschöpfung macht sich breit.

Diese Szene ist keine Ausnahme, sondern der Normalzustand im digitalen Zeitalter. Wir leben in einer Ära der permanenten Aufmerksamkeitsfragmentierung, in der die Illusion des Multitaskings zur gesellschaftlichen Norm geworden ist. Was als Effizienzgewinn verkauft wird, ist in Wirklichkeit ein kognitiver Raubzug auf unsere mentalen Ressourcen.

In Kapitel 1 haben wir die Endorphinsackgasse als das dominante Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsökonomie etabliert: schnelle Belohnungen ohne kognitiven Mehrwert. Kapitel 2 zeigte, wie der Behavioristische Werkzeugkasten – insbesondere die intermittierende Verstärkung – zur Architektur dieser Sucht wurde. Dieses Kapitel geht einen Schritt weiter: Es untersucht, wie die ständige Fragmentierung unserer Aufmerksamkeit nicht nur unsere Produktivität sabotiert, sondern unser Gehirn strukturell verändert, unser Gedächtnis erodiert und uns den Zugang zu jener Form von konzentrierter Arbeit verwehrt, die Cal Newport als Deep Work bezeichnet.

3.1. Der Mythos des Multitasking: Was die Forschung wirklich zeigt

Definition und Formen des Multitaskings

Der Begriff Multitasking ist irreführend. Er suggeriert, dass wir mehrere Aufgaben gleichzeitig ausführen können. Die Realität ist komplexer. Die Forschung unterscheidet zwischen zwei grundlegend verschiedenen Phänomenen.

Simultanes Multitasking bezeichnet die echte Parallelverarbeitung zweier Aufgaben. Dies ist neurobiologisch nur möglich, wenn mindestens eine Aufgabe vollständig automatisiert ist – etwa Gehen und Sprechen. Sobald beide Aufgaben kognitive Ressourcen erfordern, kollabiert die Parallelfähigkeit.

Task-Switching ist das, was wir tatsaechlich tun, wenn wir multitasken. Wir wechseln nicht parallel, sondern sequenziell zwischen Aufgaben – oft in Sekundenbruchteilen, aber niemals wirklich gleichzeitig. Dieser ständige Wechsel ist der Kern des Problems.

Die kognitiven Kosten: Switch Costs und Interferenz

Jeder Aufgabenwechsel kostet. Die kognitionswissenschaftliche Forschung hat diesen Preis präzise quantifiziert. Die American Psychological Association (APA) fasst zusammen: Selbst einfache, kurze Wechsel zwischen Aufgaben koennen die Produktivität um bis zu 40 Prozent reduzieren.

Der Grund liegt in den sogenannten Switch Costs – den kognitiven Umschaltkosten. Bei jedem Wechsel muss das Gehirn zwei energieaufwendige Operationen durchführen:

  • Goal Shifting: Die mentale Neuausrichtung auf das Ziel der neuen Aufgabe.
  • Rule Activation: Das Aktivieren der für die neue Aufgabe relevanten Regeln und das Deaktivieren der alten.

Diese Prozesse beanspruchen den Praefrontalen Kortex – jene Region, die für exekutive Funktionen, Planung und Impulskontrolle zuständig ist. Jeder Wechsel erschöpft diese limitierte Ressource.

Das Stanford-Experiment: Heavy Multitasker unter der Lupe

Eine bahnbrechende Studie von Ophir, Nass und Wagner an der Stanford University aus dem Jahr 2009 revolutionierte unser Verständnis des Multitaskings. Die Forscher verglichen Heavy Media Multitaskers (HMMs) mit Low Media Multitaskers (LMMs) (<- bitte nicht mit dem LLM verwechseln) in einer Reihe kognitiver Tests.

Die Ergebnisse waren kontraintuitiv und ernüchternd: Entgegen der Erwartung, dass häufiges Multitasking zu besserer Multitasking-Fähigkeit fuehrt, zeigten die HMMs schlechtere Leistungen in nahezu allen gemessenen Bereichen. Sie konnten irrelevante Informationen schlechter ausfiltern, hatten ein schwächeres Arbeitsgedächtnis und zeigten reduzierte kognitive Kontrolle.

Eine Dekade später bestätigte ein Follow-up der Stanford-Psychologen diese Befunde und fügte hinzu: Chronische Media-Multitasker zeigen auch langfristig reduzierte Gedächtnisleistungen.

FALL-BOX: Das Paradox der Produktivitaetsillusion

Markus, 34, Projektmanager in einer Digitalagentur, ist stolz auf seine Multitasking-Faehigkeiten. Er beantwortet E-Mails waehrend Meetings, hoert Podcasts beim Arbeiten und hat immer mindestens zehn Tabs offen. Bei einem Produktivitaets-Audit stellt sich heraus: Markus braucht fuer Aufgaben, die konzentriert 45 Minuten dauern wuerden, im Schnitt 2,5 Stunden. Am Ende jedes Tages fuehlt er sich erschoepft, aber raetselt, warum so wenig vorwaertsgeht. Die Studien zeigen: Seine Selbsteinschaetzung seiner Multitasking-Kompetenz korreliert negativ mit seiner tatsaechlichen Leistung.

3.2. Die Neurobiologie der Ablenkung

Das Belohnungssystem und die Aufmerksamkeitssteuerung

Warum ist es so schwer, bei einer Aufgabe zu bleiben? Die Antwort liegt tief in unserer Neurobiologie. Jede neue Benachrichtigung, jedes Ping, jeder rote Badge aktiviert unser mesolimbisches Dopaminsystem – das gleiche System, das in Kapitel 1 als Motor der Endorphinsackgasse identifiziert wurde.

Das Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, auf Neuheit zu reagieren. In der Savanne bedeutete ein unerwartetes Geräusch potenziell Gefahr oder Beute – beides erforderte sofortige Aufmerksamkeit. Dieses uralte System wird heute von digitalen Signalen gekapert. Jede Notification ist ein Mini-Versprechen auf eine potenzielle Belohnung, und das Dopaminsystem feuert in Erwartung.

Die Verbindung zur intermittierenden Verstärkung aus Kapitel 2 ist direkt: Weil wir nie wissen, ob die nächste Benachrichtigung wichtig ist oder nicht, bleiben wir in einem Zustand permanenter Hab-Acht-Stellung – genau wie Skinners Tauben, die nicht wissen, wann die nächste Futterbelohnung kommt.

Der ACC: Das geschrumpfte Kontrollzentrum

Die moeglicherweise beunruhigendste Entdeckung kommt aus der Neurowissenschaft. Eine Studie von Loh und Kanai, veroeffentlicht in PLoS ONE, zeigte mittels MRT-Untersuchungen: Personen mit hoher Media-Multitasking-Aktivitaet weisen eine geringere Dichte grauer Substanz im Anterioren Cingulaeren Kortex (ACC) auf.

Der ACC ist eine Schlüsselregion für kognitive Kontrolle, Emotionsregulation und Entscheidungsfindung. Er hilft uns, zwischen relevanten und irrelevanten Informationen zu unterscheiden – genau jene Fähigkeit, die bei Heavy Multitaskern beeinträchtigt ist.

Die Frage der Kausalität ist noch nicht abschliessend geklärt: Schrumpft der ACC durch chronisches Multitasking, oder neigen Menschen mit kleinerem ACC eher zum Multitasking? Dr. Jennifer Davis von der Brown University formuliert es vorsichtig: Es ist unklar, ob Multitasking permanente Gehirnveränderungen verursacht oder ob Menschen mit kleineren Volumina in dieser Hirnregion eher zum Multitasking neigen. Beide Möglichkeiten sind besorgniserregend.

Cortisol und der Preis des Dauerstresses

Neben der strukturellen Veränderung des Gehirns hat chronisches Task-Switching auch neurochemische Konsequenzen. Jede Unterbrechung aktiviert die Stressachse und führt zur Ausschüttung von Cortisol. In Maßen ist Cortisol hilfreich – es mobilisiert Energie für kurzfristige Herausforderungen.

Das Problem: Bei Dauerunterbrechung wird die Stressachse chronisch aktiviert. Gloria Mark von der University of California, Irvine, hat gemessen, dass Büroangestellte im Schnitt alle 11 Minuten unterbrochen werden und dann durchschnittlich 25 Minuten brauchen, um zur ursprünglichen Aufgabe zurückzukehren. Das Ergebnis ist ein permanenter Stresszustand, der nicht nur die kognitive Leistung beeinträchtigt, sondern auch das Immunsystem schwächt und das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöht.

FALL-BOX: Das pingende Gehirn

Sarah, 28, Grafikdesignerin, schaltet waehrend der Arbeit alle Benachrichtigungen aus. Trotzdem checkt sie ihr Handy im Schnitt 87 Mal am Tag – ohne externen Trigger. Meine Hand greift automatisch zum Smartphone, sagt sie. Die neurowissenschaftliche Erklaerung: Ihr Dopaminsystem hat gelernt, auch ohne externen Reiz die Erwartung einer Belohnung zu generieren. Das Verlangen ist internalisiert – die digitale Skinner-Box ist im Kopf angekommen.

3.3. Kognitive und emotionale Folgen

Kurzfristige Effekte: Fehler, Residuen, Reaktionszeit

Die unmittelbaren Kosten des Task-Switchings sind messbar und erheblich. Studien zeigen konsistent: Nach einem Aufgabenwechsel steigt die Fehlerrate, während die Reaktionsgeschwindigkeit sinkt. Dies ist kein individuelles Versagen, sondern eine neurobiologische Notwendigkeit.

Besonders tueckisch ist das Phänomen der Aufmerksamkeitsresiduen (Attention Residue): Ein Teil unserer kognitiven Kapazität bleibt nach dem Wechsel im vorherigen Kontext hängen. Wir denken noch an die unbeantwortete E-Mail, während wir am Bericht arbeiten. Dieses Residuum reduziert die verfügbare mentale Bandbreite für die neue Aufgabe erheblich.

Langfristige Effekte: Gedächtnis und Lernfähigkeit

Die langfristigen Konsequenzen sind noch gravierender. Die Stanford-Langzeitstudie dokumentiert, dass Heavy Multitaskers nicht nur schlechtere Arbeitsgedächtnisleistungen zeigen, sondern auch Schwierigkeiten bei der Gedächtniskonsolidierung haben – dem Prozess, durch den Informationen vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis überführt werden.

Die Implikationen für das Lernen sind verheerend. Effektives Lernen erfordert tiefe Verarbeitung – das, was Kognitionspsychologen als elaborative Encodierung bezeichnen. Diese ist nur möglich, wenn der Lernstoff über einen längeren Zeitraum ungestört im Fokus der Aufmerksamkeit bleibt. Fragmentierte Aufmerksamkeit führt zu fragmentiertem Wissen: oberflächlich, schlecht vernetzt, schnell vergessen.

Psychologische Kosten: Digitaler Stress und kognitive Erschöpfung

Jenseits der messbaren kognitiven Defizite gibt es eine emotionale Dimension. Die ständige Fragmentierung führt zu einem Zustand, den Forscher als kognitive Erschöpfung bezeichnen. Es ist ein Gefühl der mentalen Überlastung, das sich von physischer Müdigkeit unterscheidet: Man ist zu erschöpft, um zu denken, aber zu aufgedreht, um zu ruhen.

Multitasking ist zudem korreliert mit erhöhten Symptomen von Angst und Depression. Die Kausalität ist bidirektional: Ängstliche Menschen neigen eher zum Multitasking (als Vermeidungsstrategie), und Multitasking verstärkt die Symptome. Ein Teufelskreis entsteht.

FALL-BOX: Ich bin müde, aber nicht produktiv

Jana, 42, Abteilungsleiterin, beschreibt ihren typischen Arbeitstag: Um 18 Uhr fühle ich mich völlig ausgelaugt, aber wenn ich auf meine To-do-Liste schaue, ist kaum etwas abgehakt. Das Paradoxe: Ich war den ganzen Tag beschäftigt. Was Jana erlebt, ist das klassische Muster der kognitiven Erschöpfung durch fragmentierte Aufmerksamkeit: maximale Anstrengung bei minimalem Output. Die Energie wurde nicht in Produktivität umgewandelt, sondern in die endlosen Wechselkosten des Task-Switchings verbrannt.

3.4. Von Multitasking zu Deep Work: Der Weg zurück zur Konzentration

Das Prinzip des Deep Work

Cal Newport, Informatikprofessor an der Georgetown University, praegte 2016 den Begriff Deep Work: Berufliche Aktivitäten, die in einem Zustand ablenkungsfreier Konzentration durchgeführt werden und die kognitiven Fähigkeiten an ihre Grenzen bringen. Diese Bemühungen schaffen neuen Wert, verbessern Fähigkeiten und sind schwer zu replizieren.

Deep Work ist das exakte Gegenteil der fragmentierten Aufmerksamkeit, die die Endorphinsackgasse charakterisiert. Während Shallow Work – E-Mails beantworten, Meetings besuchen, administrative Aufgaben erledigen – in einem Zustand reduzierter Konzentration moeglich ist, erfordert Deep Work ungeteilte, anhaltende Aufmerksamkeit.

Neurobiologische Grundlagen des Tiefenfokus

Deep Work ist nicht nur ein Produktivitätskonzept – es hat eine solide neurobiologische Grundlage. Konzentrierte Arbeit über längere Zeiträume aktiviert den dorsolateralen Praefrontalkortex in einem Modus, der sich fundamental vom Task-Switching unterscheidet.

Zudem zeigt die Forschung, dass wiederholte, konzentrierte Übung die Myelinisierung von Nervenbahnen erhöht – die Ummantelung von Axonen mit einer isolierenden Schicht, die die Signalübertragung beschleunigt. Dies ist der neurobiologische Mechanismus hinter dem Erwerb von Expertise. Fragmentierte Aufmerksamkeit verhindert diese vertiefte Übung und damit den Aufbau echter Kompetenz.

Flow-Zustände: Die Belohnung der Konzentration

Mihaly Csikszentmihalyi beschrieb den Flow-Zustand als einen Zustand optimaler Erfahrung, in dem wir völlig in einer Aktivität aufgehen. Flow ist charakterisiert durch das Verschmelzen von Handlung und Bewusstsein, eine verzerrte Zeitwahrnehmung und intrinsische Motivation. Wichtig: Flow erfordert ungestörte Konzentration über einen längeren Zeitraum – typischerweise mindestens 15-30 Minuten, bevor er einsetzt.

In einer Welt der 11-Minuten-Unterbrechungsintervalle wird Flow unmöglich. Die Endorphinsackgasse ersetzt die tiefe Befriedigung des Flows durch die flachen, schnellen Dopamin-Hits der Notifications. Was wir gewinnen, ist kurzfristige Stimulation; was wir verlieren, ist die Möglichkeit zu tiefer Erfüllung.

FALL-BOX: Tiefenarbeit als Widerstandshandlung

Thomas, 52, Romanautor, hat sein Smartphone während der Schreibzeiten in einem anderen Raum. Kein Internet, keine Benachrichtigungen. Die ersten Tage waren brutal, erinnert er sich. Mein Gehirn suchte ständig nach Ablenkung. Nach zwei Wochen veränderte sich etwas: Ich kann jetzt vier Stunden am Stück schreiben, ohne den Drang zu verspüren, etwas zu checken. Die Qualität dessen, was ich schreibe, hat sich dramatisch verbessert. Was Thomas beschreibt, ist die Neuroplastizität in Aktion: Das Gehirn kann sich an Deep Work anpassen – aber es braucht Zeit und konsequente Übung.

3.5. Hedonisches vs. Eudaimonisches Wohlbefinden

Die Psychologie unterscheidet zwischen zwei fundamentalen Formen des Wohlbefindens, die für unser Verständnis der Endorphinsackgasse zentral sind.

Hedonisches Wohlbefinden bezieht sich auf die Erfahrung von Vergnügen und die Abwesenheit von Schmerz. Es ist kurzfristig, reaktiv und an externe Stimuli gebunden. Der Dopamin-Rush eines neuen Likes, die kurze Freude über ein lustiges Video – das ist hedonisches Wohlbefinden.

Eudaimonisches Wohlbefinden hingegen bezieht sich auf Sinn, Selbstverwirklichung und das Gefühl, sein Potenzial auszuschöpfen. Es ist langfristiger, proaktiv und entsteht aus anspruchsvollen, aber bedeutsamen Aktivitäten. Das Gefühl, nach Monaten konzentrierter Arbeit ein Projekt abzuschliessen, ein komplexes Problem zu lösen oder eine neue Fähigkeit zu meistern – das ist eudaimonisches Wohlbefinden.

Die Endorphinsackgasse ist eine hedonische Tretmühle: Sie liefert kurzfristige Vergnügungen, die keine nachhaltige Zufriedenheit erzeugen. Deep Work hingegen ist der Pfad zum eudaimonischen Wohlbefinden – anstrengender, aber letztlich erfüllender.

Die Verbindung zu Kapitel 1 ist direkt: Das Wanting/Liking-Dissoziation des Dopaminsystems erklärt, warum hedonische Stimuli das Verlangen (Wanting) triggern, aber keine dauerhafte Befriedigung (Liking) erzeugen. Die Architektur der Aufmerksamkeitsökonomie ist auf Wanting optimiert – und blockiert damit systematisch den Zugang zu Liking und eudaimonischem Wohlbefinden.

3.6. Gesellschaftliche und kulturelle Dimension

Die Oekonomie der Ablenkung

Die systematische Fragmentierung unserer Aufmerksamkeit ist kein Zufall, sondern ein Geschäftsmodell. Die Aufmerksamkeitsökonomie definiert Aufmerksamkeit als knappe Ressource, um die Tech-Unternehmen konkurrieren. Je mehr Zeit wir auf einer Plattform verbringen, desto mehr Werbung kann ausgespielt werden. Task-Switching und Ablenkung sind nicht Bugs, sondern Features.

Die Produktivitätsillusion – das Gefühl, beschäftigt zu sein, ohne produktiv zu sein – dient diesem Modell. Solange wir glauben, effizient zu multitasken, hinterfragen wir nicht die Systeme, die unsere Aufmerksamkeit fragmentieren.

Fokus als Klassenfrage

Eine beunruhigende Entwicklung zeichnet sich ab: Die Fähigkeit zu konzentrierter Arbeit wird zum Luxusgut. Während die Mehrheit der Bevölkerung in Jobs gefangen ist, die ständige Erreichbarkeit und Multitasking verlangen, haben diejenigen an der Spitze der sozioökonomischen Pyramide zunehmend die Ressourcen, sich Tiefenarbeit zu leisten: persänliche Assistenten, die E-Mails filtern; Arbeitsumgebungen ohne Unterbrechungen; die finanzielle Sicherheit, auf sofortige Reaktion verzichten zu können. KI wird hier als neuer Heilsbringer verkauft und führt durch schale oberflächliche Antworten häufig nur zu einer weiteren Ebene der Ablenkung.

Die Ironie ist bitter: Die Tech-Eliten, die die Ablenkungsmaschinen bauen, schicken ihre Kinder auf bildschirmfreie Schulen und praktizieren selbst digitalen Minimalismus. Fokus wird zur neuen Klassenfrage.

3.7. Fazit: Die Rueckeroberung der Aufmerksamkeit

Dieses Kapitel hat die Mechanismen der fragmentierten Aufmerksamkeit seziert und ihre Kosten quantifiziert: reduzierte kognitive Leistung, strukturelle Veränderungen im Gehirn, emotionale Erschöpfung und der systematische Verlust der Faehigkeit zu Deep Work.

Die Befunde fügen sich nahtlos in die Logik der vorherigen Kapitel ein: Die Endorphinsackgasse (Kapitel 1) und der Behavioristische Werkzeugkasten (Kapitel 2) finden im chronischen Multitasking ihre logische Konsequenz. Die intermittierende Verstärkung hält uns in einer Dauerschleife der Ablenkung gefangen, während das Dopaminsystem auf ständige Neuheit getrimmt wird. Das Ergebnis: ein fragmentierter Geist in einer fragmentierten Welt.

Die gute Nachricht: Das Gehirn ist plastisch. Die Fähigkeit zu Tiefenfokus kann wiederhergestellt werden – aber es erfordert bewussten Widerstand gegen eine Umgebung, die auf Fragmentierung optimiert ist. Die Rückeroberung der Aufmerksamkeit ist nicht nur ein individuelles Projekt der Selbstoptimierung; sie ist eine kulturelle und politische Notwendigkeit.

Die in diesem Kapitel präsentierten Befunde zeichnen ein klares Bild: Multitasking ist ein Mythos, der unsere Produktivität sabotiert; chronische Ablenkung veraendert unser Gehirn in besorgniserregender Weise; die Fähigkeit zur tiefen Konzentration ist sowohl für beruflichen Erfolg als auch fuer persönliches Wohlbefinden fundamental; und der Unterschied zwischen hedonischem Konsum und eudaimonischem Engagement hat tiefgreifende Implikationen für unsere Lebensqualität.

Mit Teil II dieses Buches beginnt eine neue Phase der Analyse. Nachdem wir die psychologischen Mechanismen verstanden haben, die uns in der Endorphinsackgasse gefangen halten, wenden wir uns nun denjenigen zu, die diese Mechanismen bewusst instrumentalisieren. Im nächsten Kapitel untersuchen wir Das Playbook der Tech-Bros – die Ethik des „Move Fast and Break Things“, die Kriegsfährung des Growth Hackings und die systematische Monetarisierung von Langeweile und Unsicherheit. Es wird Zeit, die Architekten der Krise beim Namen zu nennen.

Quellen: 

  1. Vgl. Ophir, E., Nass, C., & Wagner, A. D., Cognitive control in media multitaskers, PNAS, 2009.
  2. Vgl. APA, Multitasking: Switching costs, 2006. https://www.apa.org/topics/research/multitasking
  3. Vgl. Mueller, S. M. et al., Decision-making and media multitasking, Cogn Process 22, 2021, S. 593-607.
  4. Vgl. Davis, J. E., Multitasking and Brain Health, Brown University Health, 2023.
  5. Vgl. Monsell, S., Task switching, Trends in Cognitive Sciences, 7(3), 2003, S. 134-140.
  6. Vgl. RWTH Aachen, Kognitive Grundlagen von Mehrfachtaetigkeiten.
  7. Vgl. Newport, C., Deep Work, Grand Central Publishing, 2016.
  8. Vgl. Stanford News, Heavy multitaskers have reduced memory, 2018.
  9. Vgl. Sanbonmatsu, D. M. et al., Who multi-tasks and why?, PLoS ONE, 2013.
  10. Vgl. AOK Magazin, Multitasking: Mythos oder Realitaet?, 2023.
  11. Vgl. Mark, G. et al., The Cost of Interrupted Work, CHI 2008.
  12. Vgl. Loh & Kanai, Media Multitasking and ACC Gray Matter, PLoS ONE, 2014.
  13. Vgl. Thieme Connect, Kognitive Erschoepfung, 2018.
  14. Vgl. Csikszentmihalyi, M., Flow, Harper Perennial, 1990.
  15. Vgl. Ryan & Deci, Hedonic and Eudaimonic Well-being, Annual Review of Psychology, 2001.
  16. Vgl. Cambridge Core, Behavioural paths to wellbeing, 2017.
  17. Vgl. VTechWorks, Neuroscience of Deep Work.
  18. Vgl. Immink, R., The Future of Work is Deep Attention, 2023.
  19. Vgl. Huberman, A., Neuroscience of Focus, Stanford, 2023.
  20. Vgl. Asana, Multitasking funktioniert nicht, 2023.
  21. Vgl. Deutschlandfunk Nova, Brainrot und Scrollen, 2024.
  22. Vgl. Business Insider, Multitasking und Gehirn, 2017.
  23. Vgl. Zeit Online, Multitasking und Gehirnleistung, 2012.
  24. Vgl. Thesius Blog, Deep Work Optimierung, 2023.
  25. Vgl. Cloud Minded, Multitasking und Produktivitaet, 2023.

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