# Live-Booking gehört datengetrieben gemacht.

Event on demand – aber nicht mehr von mir. 😉

*14 Jahre später: Eine Re-Read meiner Diplomarbeit „Event on Demand“*

Ich habe gerade meine Diplomarbeit von 2011 wieder aufgemacht. *„Event on Demand – Erarbeitung eines Webtools zur Ermöglichung der interaktiven Tourplanung zwischen Fan, Künstler und Veranstalter.“* Achtundneunzig Seiten, IMK Wiesbaden, vorgelegt am 29. August 2011.

Der Stil-Bernd damals: 23, halb in Marek-Lieberberg-Zitaten badend, halb in Maslowscher Bedürfnispyramide, irgendwo zwischen Eventbranche und beginnender Internetnostalgie. Myspace wurde noch ernsthaft als wichtige Künstlerplattform behandelt. Die Idee selbst war einfach: Fans stimmen online dafür ab, dass ihr Künstler in ihre Stadt kommt; Veranstalter und Booker sehen die Demand-Daten in Echtzeit und planen Touren nachfragebezogen statt aus dem Bauch.

Frage, die ich mir beim Wiederlesen gestellt habe: Was würde ich der Arbeit heute, im Mai 2026, ins Gutachten schreiben?

Kurzform: Die *Analyse* ist überraschend gut gealtert. Das *Geschäftsmodell* ist fast genau so gescheitert, wie ein Markt im Konsolidierungsmodus es macht.

## Was sich bestätigt hat

Tonträger als Werbemittel für die Tour – das ist Lehrbuchstandard geworden. Die Preisspirale bei Tickets ist radikaler eingetreten, als ich 2011 zu schreiben gewagt habe. Dynamic Pricing, der Bruce-Springsteen-Skandal von 2022, das ganze Programm – heute zahlt man für eine durchschnittliche Stadiontour Beträge, die ich damals als Klimax meiner Argumentation aufgeschrieben hatte und für extrem gehalten hätte.

Datengetriebene Tourplanung ist gängige Praxis geworden. Nur dass die Daten heute aus Spotify-Streaming-Geografie kommen, nicht aus expliziten User-Votes auf einer Plattform namens „tik“. Empfehlungsmarketing über Social: richtig diagnostiziert. Den Job hat allerdings TikTok übernommen, nicht der Facebook-Like-Button. Und die Konsolidierungswelle bei Promotern, die ich damals als Risiko angesprochen habe, ist eingetreten – in einer Härte, die mir 2011 nicht klar war. Live Nation und CTS Eventim sind heute ein faktisches Duopol auf dem deutschen Markt.

So weit, so gut. Nur: Diagnostiziert heißt nicht abgeräumt.

## Was nicht aufgegangen ist – und warum

Songkick hat 2014 ein Produkt namens *Detour* gelauncht, das faktisch meine Idee war. Gut finanzierter Player, Major-Labels im Rücken, sauberes Engineering. Wurde 2017 nach der Warner-Übernahme eingestellt. Die Modellfehler waren genau die, die meine eigene SWOT 2011 als Risiken benannt hatte: starre Verträge im Musiksegment, Marktmacht der etablierten Booker. Plus ein Punkt, den ich systematisch unterschätzt habe – die Conversion von *Vote* zu *echter Ticketbuchung* war strukturell zu schlecht. Leute klicken gerne. Kommen tun sie nicht.

Bandsintown hat ähnliche Demand-Features als Layer in einer breiteren Plattform integriert. Als Standalone-Geschäft trägt das Konzept nicht.

Die 10%-Booking-Fee als Hebel zur Disintermediation funktioniert gegen Live Nation und CTS Eventim heute nicht mehr. Die Moats sind dichter als 2011 – Ticketing, Venues, Promoter, Sponsoring sind über Akquisitionen so eng verzahnt, dass ein Plattform-Eintritt nichts mehr aufbricht.

Und der Punkt, der mich beim Wiederlesen am meisten beschäftigt: Mein Gegentrend-Argument – Re-Lokalisierung, regionale Kulturförderung als Megatrend, das Sterben der Großshow zugunsten regionaler Acts – hat sich in der Live-Branche *nicht* durchgesetzt. Im Gegenteil. Die Großshow ist zur einzig auskömmlichen Form geworden, das Mittelfeld erodiert. Genau der Markt, für den ich Event on Demand designed hatte, ist der Markt, der heute am stärksten unter Druck steht.

## Was 2011 fehlt, das man heute mitdenken müsste

Streaming-Daten als primärer Demand-Indikator – Spotify for Artists, Apple Music for Artists. Das ersetzt funktional mein Voting, nur passiver, kontinuierlicher und genauer.

Post-COVID-Strukturen: höhere Fixkosten, Versicherbarkeit, Cancel-Risiko-Kalkulationen. Eine ganze Risiko-Schicht, die mein 2011er-Modell schlicht nicht kennt.

KI-basierte Routing-Optimierung: heute Commodity, nicht Differenzierung. Jedes ernsthafte Booking-Tool hat das.

DSGVO. Mein damaliges Datenmodell – „Adresse, Alter, Fahrbereitschaft, Kontaktdaten“ – wäre heute juristisch eine eigene Hausarbeit. Wahrscheinlich sogar zwei.

## Wenn ich das Konzept heute neu aufsetzen würde

Nicht als Standalone-Plattform gegen die Großen. Diese Schlacht ist gelaufen.

Eher als SaaS-Layer für den Mittelbau: Indie-Promoter, mittelgroße Clubs, Mid-Tier-Künstler ohne Major-Apparat. Ein Tool, das Spotify-, Bandsintown- und Social-Daten zu konkreten Tour-Routings verdichtet und Risikoabschätzungen liefert. Kein Marktangriff. Eine Werkzeugbank für die, die im Schatten der Duopol-Pipes arbeiten und kein eigenes Analytics-Team haben.

Im Kern dieselbe DNA wie das Brand-Fortune-Teller-Konzept, an dem ich heute mit Luceena arbeite, nur fürs Live-Segment. Die Linie aus der 2011er-Arbeit bis zu meinem heutigen Tooling-Denken ist erstaunlich gerade. Damals war der Reflex: Plattform bauen, frontal gegen die etablierte Wertschöpfung antreten. Heute ist der Reflex: Daten so verarbeiten, dass die, die ohnehin im Markt arbeiten, bessere Entscheidungen treffen können.

## Fazit

Als Trendanalyse 2011 stark. Als Geschäftsmodell 2011 zu früh und zu frontal gegen die Marktmacht der Etablierten gedacht.

Die zugrunde liegende These – *Live-Booking gehört datengetrieben gemacht* – hat sich durchgesetzt.

Die Wertschöpfung daraus ziehen aber die, die schon vorher die Kanäle besaßen.

Das ist die Lektion, die in jeder Branche stimmt, in der Plattform-Ökonomie zur Konsolidierung gefunden hat: Eine richtige Diagnose macht noch keinen funktionierenden Markteintritt. Wer die Infrastruktur hat, gewinnt fast immer den Layer, der darüber gebaut wird. Der Trick ist, das früh genug zu erkennen, um seine Energie in den Layer *daneben* zu stecken – nicht in den, der gerade zubetoniert wird.

Wenn Ihr interesse an der Arbeit habt, dropt mit eine Nachricht. Ich verteile sie gerne.

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